HfH Kompakt

Mit «Banking Time» Beziehungskapital ansparen

Wenn die Interaktion zwischen der Lehrperson und dem Kind überdauernd belastet ist, helfen verbindlich festgelegte kleine Zeitfenster im Einzelsetting. In diesen Momenten ist die Lehrperson zuverlässig für das Kind da und interessiert sich für dessen Tun – ganz ohne es zu bewerten.


Tims Wutausbrüche sind legendär. Es ist, wie wenn bei ihm eine Sicherung durchbrennt, oft ohne sichtbaren Anlass. Dann beschimpft er die anderen Schülerinnen und Schüler aufs Übelste, verweigert die Teilnahme am Unterricht, schlägt um sich. Als die Lehrerin ihn beruhigen will, schreit er sie an: «Halt die Fresse!», stürmt aus dem Klassenzimmer und schlägt die Tür hinter sich zu. Für die Lehrerin und den Rest der Klasse ist es schwierig, an diesem Vormittag zu einem normalen Unterrichtsgeschehen zurückzufinden. Trotz zahlreicher Gespräche und verschiedenen Massnahmen ändert sich an Tims Verhalten nicht viel. Das belastet mit der Zeit die Beziehung – jene zu den anderen Kindern, aber auch jene zwischen Tim und der Lehrerin. Ihr fällt es schwer, an Tim noch gute Seiten zu sehen. Nur schon, wenn er das Klassenzimmer betritt, zieht sich in ihrem Magen etwas zusammen. Diese sich eingebrannten Vorstellungen über eine Person – die Denk- und Erlebensweisen – das nennt man in der Fachsprache «mentale Repräsentationen».



Damit sich an diesen «mentalen Repräsentationen» vom Gegenüber etwas ändern kann, braucht es als Gegengewicht zu den belastenden Interaktionen wieder konfliktfreie, entspanntere Begegnungen. Eine Methode, um diese Begegnungen bewusst zu initiieren, nennt sich «Banking Time». Das Konzept wurde vom amerikanischen Psychologen Robert C. Pianta auf Basis der Bindungsforschung entwickelt. Die Annahme dahinter ist, dass Kinder mit auffälligem Verhalten zu wenig tragfähige Bindungserfahrungen gemacht haben. Damit diese «unsicher gebundenen» Kinder – und man geht in der Schweiz mittlerweile von einem Anteil von mehr als einem Drittel aus – sich auf Unterricht und Lernen einlassen können, brauchen sie zuerst eine sichere und verlässliche Beziehung zur Lehrperson. Mit der Methode «Banking Time» soll diese aufgebaut und gefestigt werden. Gemäss diesem Ansatz verbringen die beiden rund dreimal pro Woche eine Sequenz von etwa 15 Minuten miteinander. Dabei entscheidet allein das Kind, was es machen möchte. Schwierig für die Lehrperson: Sie darf nichts bewerten.


Im Video-Interview führen die beiden HfH-Dozenten Lars Mohr und Alex Neuhauser aus, was die Grundidee von «Banking Time» ist.


Soweit das Konzept. Doch wie sieht es mit der empirischen Befundlage zur Wirksamkeit aus? Es gibt einige Studien, die mit einem Kontrollgruppen-Design durchgeführt wurden. Bei einigen davon ist Robert C. Pianta in der Autorenschaft, der als «Erfinder» der Methode vermutlich nicht ganz frei von Interessensbindungen ist. Festgestellt wurde eine mehrheitliche Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehung sowie eine Reduktion von Verhaltensproblemen. Zusätzlich waren positive Effekte auf weitere sozial-emotionale Kompetenzen des Kindes zu beobachten – etwa die Frustrationstoleranz oder die Aufgabenorientierung.

An der HfH wurden rund zwanzig kontrollierte Einzelfallstudien zur Wirksamkeit von «Banking Time» durchgeführt. Auch hier wurden mit entsprechenden Instrumenten die Beziehungsqualität zwischen Lehrperson und Kind sowie die Entwicklung von aggressiven und oppositionellen Verhaltensweisen eingeschätzt – immer aus Sicht der Lehrperson. Die Messzeitpunkte waren nach einem so genannten ABE-Plan geordnet: In der «A»-Phase wurde die Grundrate über einen Zeitraum von zwei Wochen erfasst. Die «B»-Phase umfasste die folgenden vier Wochen mit je drei Banking-Time-Sequenzen. Die abschliessende Erweiterungsphase («E») – wieder ohne Banking Time – dauerte noch einmal zwei Wochen.



In diesen Einzelfall-Untersuchungen zeigen sich überwiegend positive Ergebnisse. Die obige Grafik bildet den Verlauf für ein ausgewähltes Kind ab: Insgesamt eine abnehmende Anzahl aggressiver und oppositioneller Verhaltensweisen während der B- und E-Phase. Die Lehrpersonen, die an den Einzelfallstudien teilgenommen haben, berichten mehrheitlich über eine tiefere Belastung sowie über eine bessere Beziehung zu den jeweiligen Lernenden. Im Laufe des Projekts erleben sie den Umgang miteinander als freundlicher und konfliktfreier. «Banking Time» scheint somit geeignet, einen wirkungsvollen Zugang zu Kindern mit auffälligem Verhalten zu finden.


Im Video-Interview berichtet die Heilpädagogin Vicky Pierini über ihre Erfahrungen mit «Banking Time» und betont die Schwierigkeit des Rollenwechsels.


Die HfH-Dozenten Alex Neuhauser und Lars Mohr geben selber Weiterbildungskurse zu «Banking Time». «Das Konzept tönt auf den ersten Blick relativ simpel, ist aber bei der Umsetzung sehr anspruchsvoll», warnt Neuhauser, «die Herausforderung für die Lehrperson besteht nämlich darin, sich auf Augenhöhe mit der Schülerin oder dem Schüler zu begeben und sich führen zu lassen.» Diese Rolle seien sich Lehrpersonen normalerweise nicht gewohnt. Die Qualität der Durchführung scheint entscheidend zu sein für den Effekt, den die Methode hat. Für Neuhauser und Mohr ist deshalb klar: Damit «Banking Time» die erwartete Wirkung zeigt, braucht es Schulung und Training.


Was halten Sie von der Banking Time?
Ich wende es bereits erfolgreich an!
Klingt interessant, das werde ich mal ausprobieren.
Ich bin skeptisch ... Bringt das wirklich was?
So ein Seich!


 
Kommentare



Nadine Aellig 30.05.2020, 09:34 Uhr
Das Konzept ist sehr bestechend. Als KLP stelle ich mir folgende Fragen:
-Wann finden diese 3x15'' statt? Während der Unterrichtszeiten ist das nur schwer einrichtbar. Als KLP möchte ich in diesen Sequenzen den Kopf und den Rücken frei haben, um mich voll auf das Kind einlassen zu können.
-Soll das Kind freiwillig daran teilnehmen? Und wenn es nicht will? Muss es dann? Widerspricht das dann nicht dem Prinzip, dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen?

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Dominik Gyseler 03.06.2020, 14:23 Uhr
Danke für den interessanten Kommentar! Für Detailfragen zur Banking Time können Sie sich grad an Dr. Lars Mohr (lars.mohr@hfh.ch) oder Dr. Alex Neuhauser (alex.neuhauser@hfh.ch) persönlich wenden.
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