HfH Kompakt

Wie erfolgreich ist die Integration? Die neuen Zahlen

4.5% der Kinder erhalten verstärkte sonderpädagogische Massnahmen. Die neuen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS) zeigen, wie viele dieser Kinder in der Regelklasse unterrichtet werden.

Während früher der Schultyp in den Fokus genommen wurde, zeigen die neuen Zahlen des BfS im Detail auf, wer in der Schweiz im Schuljahr 2017/18 verstärkte sonderpädagogische Massnahmen in Anspruch genommen hat. In der Bilderserie haben wir die wichtigsten Befunde für Sie hervorgehoben. Doch es ist nur die eine Seite der Medaille, diese Zahlen zu kennen. Ebenso wichtig ist es, sie einordnen zu können. Expertinnen und Experten der HfH kommentieren die Statistik deshalb für Sie.


FOKUS SCHULORT

Unabhängig von Diagnose und sonderpädagogischer Massnahme werden 96.7% aller Schülerinnen und Schüler in der Regelklasse unterrichtet, 3.3% in einem separativen Angebot (1.5% in Sonder- und Kleinklassen und 1.8% in einer Sonderschule).

«Wenn man unsere heutige Gesellschaft anschaut, dann spiegelt eine Separationsquote von rund 3% ein realistisches Bild. Für Kinder mit hohem Förderbedarf kann ein besonderer Förderort hilfreich sein.»
Claudia Henrich, lic. phil., Dozentin HfH

«Insgesamt ist das System integrativer geworden, das entspricht dem gesetzlichen Auftrag. Die Klein- und Sonderklassen sind aber immer noch ein Dorn im Auge. Wir sollten nicht nur über Zahlen reden, sondern die Qualität der Förderung zum Thema machen – unabhängig vom Schulort.»
Andrea Lanfranchi, Prof. Dr., Institutsleiter HfH

«Knapp 97% aller Schüler gehen in einer Regelklasse zur Schule – aus meiner Sicht ist das Ziel für den Moment erreicht. Wir streben nicht an, sämtliche Sonderschulen aufzulösen, das wäre für einzelne Kinder und Jugendliche nicht ideal – und für die Regelschule wohl kaum leistbar.»
Peter Lienhard, Prof. Dr., Dozent HfH

FOKUS VSM

4.5% aller Schülerinnen und Schüler erhalten verstärkte sonderpädagogische Massnahmen (VSM) – haben also faktisch einen Sonderschulungsstatus.

«Mit der Integration erhielten neue Kinder und Jugendliche das Label «Verstärkte sonderpädagogische Massnahmen». Damit konnten die knappen Grundressourcen erweitert werden – eigentlich ein Systemfehler. Mit 4.5% ist ein Stand erreicht, den ich als zu hoch erachte.»
Peter Lienhard, Prof. Dr., Dozent HfH

«Das Label «Verstärkte sonderpädagogische Massnahmen» ist ein notwendiger Behelf, um die Ressourcen zu verteilen und zuzuweisen. Aber es ist eine Etikettierung, die Nachteile bringen kann. Ziel müsste es sein, die Ressourcen für besondere Förderung zu den Kindern und Jugendlichen zu bringen, ohne sie zu stigmatisieren.»
Andrea Lanfranchi, Prof. Dr., Institutsleiter HfH

«Ich bin überrascht, dass diese Quote so tief ist. Auch wenn es nur eine Zahl ist: Für mich stimmt sie. Aber wachsen darf sie nicht.»
Claudia Henrich, lic. phil., Dozentin HfH

FOKUS INTEGRATION

53% der Schülerinnen und Schüler mit VSM werden in der Regelklasse unterrichtet, 6% in Sonder- und Kleinklassen und 41% in Sonderschulklassen.


«Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen mit hohem Bedarf wird integriert geschult. Als Schweizerischer Mittelwert sieht das schon mal erfreulich aus. Störend dabei sind die riesigen Unterschiede zwischen den Kantonen.»
Andrea Lanfranchi, Prof. Dr., Institutsleiter HfH

«Schön sehen diese Zahlen nicht aus, aber sie sind realistisch. Für die Zukunft: Je tragfähiger das Regelschulsystem wird, desto mehr kann man die Integrationsquote weiter anheben.»
Claudia Henrich, lic. phil., Dozentin HfH

«Die stolze Integrationsquote täuscht ein wenig. Die Zahlen in der Separation haben nur bei den Klein- und Sonderklassen abgenommen, bei der separativen Sonderschulung aber nicht.»
Peter Lienhard, Prof. Dr., Dozent HfH

GESCHLECHT VERZERRT ZUWEISUNG

5.7% der Knaben und 3.2% der Mädchen erhalten VSM.

«Im Lehrberuf sind Frauen stark übervertreten. Es könnte sein, dass das Verhalten der Knaben für Frauen eine grössere Herausforderung darstellt und man deshalb schneller mit einer Massnahme reagiert.»
Claudia Henrich, lic. phil., Dozentin HfH

«Dahinter steht externalisierendes, und damit herausforderndes Verhalten. Knaben fallen mehr auf als Mädchen – und erhalten dadurch schneller eine Massnahme. Das ist ungerecht.»
Andrea Lanfranchi, Prof. Dr., Institutsleiter HfH

«Die Schule kann die Knaben nicht immer optimal bedienen und muss sich überlegen, was am System zu verändern ist. Sie muss mehr Anteile von Bewegung, Erlebnis und «Challenge» einbauen – und zwar im Grundangebot. Das würde übrigens auch den Mädchen gut tun.»
Peter Lienhard, Prof. Dr., Dozent HfH

HERKUNFT VERZERRT ZUWEISUNG

5.8% der ausländischen Lernenden und 4% der Lernenden mit Schweizer Pass erhalten VSM.

«Unser Schulsystem scheidet anscheinend immer wieder Gruppen aus, die es als inkompatibel wahrnimmt. Es gilt also zu überlegen, wie man am System arbeiten kann, um diese Ungleichheit zumindest zu verkleinern.»
Claudia Henrich, lic. phil., Dozentin HfH

«Die Übervertretung von Migrationskindern mit Sonderschulstatus war früher noch viel ausgeprägter. Trotzdem finde ich diese Diskriminierung immer noch bedenklich. Nehmen wir als Beispiel «geistige Behinderung»: Sie kommt in allen ethnischen Gruppen in einem ähnlichen Ausmass vor. Ich verstehe deshalb nicht, warum in heilpädagogischen Schulen so viel mehr Kinder mit ausländischem Pass sitzen.»
Andrea Lanfranchi, Prof. Dr., Institutsleiter HfH

«In ausländischen Familien erhalten Kinder mit Auffälligkeiten teilweise weniger frühe Förderung und Unterstützung. Dadurch brauchen sie später mehr Massnahmen. Dieser Rückstand kann oftmals kaum mehr eingeholt werden.»
Peter Lienhard, Prof. Dr., Dozent HfH