HfH Kompakt

Einmal gefährdet, immer gefährdet?

Vor über 40 Jahren startete eine Studie über Jugendliche, die kurz vor dem Eintritt ins Berufsleben standen. Nun kann gezeigt werden, wie ihr Leben danach verlaufen ist – beruflich, privat, gesundheitlich.

Heute sind die rund achthundert Personen 57 Jahre alt. Damit kommen sie bereits langsam auf die Zielgerade ihrer beruflichen Laufbahn. Als sie im Jahr 1978 zum ersten Mal befragt und getestet wurden, waren sie fünfzehnjährig. Schon rein forschungsmethodisch macht diese Längsschnittstudie Eindruck. «Damals war das eigentlich eine Berufswahlstudie», erzählt Kurt Häfeli, emeritierter Professor und ehemaliger Forschungsleiter der HfH, «viele Jugendliche wollten ins Gymnasium und das Gewerbe hatte zu wenig Lehrlinge. Diese Zusammenhänge wollte man genauer untersuchen.»
Den Grundstein zu dieser Studie hat Urs Schallberger gelegt, emeritierter Professor der Universität Zürich. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten haben er und sein Forschungsteam dieselben Personen immer wieder aufgesucht und sie über ihre berufliche und private Situation befragt – insgesamt neun Mal. Man wollte herausfinden, mit welchen Faktoren im Jugendalter der Erfolg und die Zufriedenheit im späteren Leben zusammenhängt.

Die folgende Infografik zeigt den ganzen Studienverlauf im Überblick. In fünf Phasen (oben) wurden die Probandinnen und Probanden insgesamt neunmal befragt und getestet. Auch ihre damaligen Lehrpersonen wurden befragt. Unten in der Grafik sieht man, zu welchen Themen in den jeweiligen Phasen befragt oder getestet wurde.



Nicht alle der Jugendlichen, die an der Studie teilnahmen, hatten ideale Startchancen für ihr Leben. Häfeli und sein Team konnten insgesamt zwölf Risikofaktoren identifizieren. Und bei ungefähr einem Drittel der untersuchten Jugendlichen konnte eine Kombination von mehreren dieser Risikofaktoren festgestellt werden. Was ist aus diesen belasteten Jugendlichen im späteren Leben geworden? Studienleiter Kurt Häfeli ist überrascht: «Trotz dieser mehrfachen Belastung im Jugendalter sind die Lebensverhältnisse im Erwachsenenalter ausgesprochen gut.» So bekundet der überwiegende Teil eine grosse Zufriedenheit sowohl mit dem Berufsleben (80%) als auch mit dem Privatleben (90%). «Objektive Gesichtspunkte bestätigen dies», führt Häfeli aus, «die meisten der Untersuchten konnten sich beruflich gut situieren, und fast neun von zehn leben in einer festen Paarbeziehung.»

Die folgende Grafik zeigt, welche zwölf Risikofaktoren in der Jugendzeit auftreten und das Leben beeinflussen können – einzeln oder in Kombination.


Im Video-Interview mit Steff Aellig erzählt Kurt Häfeli, wie er 1978 als damals junger Forscher die Daten auf Lochkarten übertragen hat, und was ihn dazu bewegt hat, sein Forscherleben lang dieselben Personen zu untersuchen.

Risiken im Jugendalter müssen sich im Erwachsenenalter also nicht unbedingt negativ auswirken. Trotz Belastung gelingt es den meisten, ein ausgeglichenes Leben zu führen. «Dennoch konnten wir feststellen, dass Personen, die Risiken ausgesetzt waren, im Erwachsenenalter subjektiv und objektiv gesehen weniger erfolgreich sind als andere Jugendliche», schränkt Häfeli ein, «spezifische Risikofaktoren wirken sich auf spezifische Aspekte des späteren Lebens aus.» So wirkt sich beispielsweise ein Mangel an Selbstsicherheit deutlich negativ auf die spätere Berufs- und Lebenszufriedenheit aus. Oder: Jugendliche, die nur bei einem Elternteil aufwuchsen, lebten später seltener in einer Paarbeziehung. Und Jugendliche mit sehr geringen kognitiven Fähigkeiten haben häufig tiefe berufliche Positionen inne. «Deswegen sind sie aber keineswegs unzufriedener bei der Arbeit als andere», so Häfeli, «und auch in ihrem Privatleben lassen sich keine Nachteile feststellen.»

Kurt Häfeli hat den Datenschatz, den diese Längsschnittstudie beinhaltet, vom Psychologischen Institut der Uni Zürich an die HfH gebracht. Hier haben dann jüngere Forscherinnen und Forscher den Stab übernommen und die Staffel weitergeführt. Eine davon ist Claudia Schellenberg. Zusammen mit ihrem Team hat sie einen Grossteil der Teilnehmenden 37 Jahre nach der ersten Befragung wiedergefunden und diese im Alter von 52 Jahren erneut befragt.

Das Forscherteam um Claudia Schellenberg führt die Längsschnittstudie an der HfH weiter. Von links nach rechts: Annette Krauss, Achim Hättich, Claudia Schellenberg.

«Es gibt einen statistischen Zusammenhang zwischen den sozio-emotionalen Kompetenzen von Fünfzehnjährigen und dem späteren Berufserfolg im mittleren Erwachsenenalter», sagt Claudia Schellenberg, «wer also als Jugendlicher kommunikativ und empathisch ist – in unseren Daten stützen wir uns auf die Einschätzung von Lehrpersonen – der bringt es im beruflichen Leben weiter.»

Im Video-Interview erläutert die HfH-Dozentin Claudia Schellenberg die aus ihrer Sicht eindrücklichsten Befunde aus der gesamten Studie.


Der Übergang Schule – Beruf ist eine heikle Lebensphase. Hier werden Weichen gestellt, welche Auswirkungen aufs ganze spätere Leben haben können. Für Jugendliche mit einer Risikokonstellation gilt dies ganz besonders, betont die HfH-Forscherin Claudia Schellenberg. «Wenn Jugendliche in diesem kritischen Lebensabschnitt von Eltern und Schule gut begleitet werden, dann gelingt der Einstieg ins Erwachsenenleben meistens ohne gravierenden Probleme – auch wenn verschiedene Belastungsfaktoren temporär in eine andere Richtung weisen», so Schellenberg.

Im Video-Interview betont Claudia Schellenberg die Bedeutung einer guten Begleitung im Übergang Schule – Beruf.

In der Zürcher Längsschnittstudie wurden über 800 Menschen vom Jugendalter bis ins mittlere Alter wissenschaftlich begleitet. Ziel war es, allgemeingültige Gesetzmässigkeiten zu entdecken, was «ein gutes Leben» ausmacht. Ein wichtiges Fazit ist: Bei den meisten Menschen kommt es gut. Auch wenn im Laufe des Lebens immer wieder Schwierigkeiten auftreten, so finden Menschen Mittel und Wege, diese zu bewältigen. Und die meisten Menschen schaffen es, sich mit ihrer Situation zu arrangieren und zu einem zufriedenen und ausgeglichenen Leben zu finden – auch wenn sich die objektiven Lebensumstände dieser Menschen zum Teil beträchtlich unterscheiden.

Wir haben die Möglichkeit erhalten, Einblick in drei dieser Leben zu erhalten. Drei Menschen, die sich persönlich nicht kennen, die aber von 1978 bis heute Teil dieser grossen Studie sind. Sie haben sich bereit erklärt, aus ihrem Leben zu erzählen – von damals bis heute.

Antonietta Ferraioli, Basel, Sachbearbeiterin bei Postfinance. Als Jugendliche wird sie von ihrem süditalienischen Vater streng erzogen, entdeckt durch eine Lehrerin ihr Talent für Zahlen und verliert trotz der schweren Krebsgeschichte ihrer mittleren Tochter nie den Lebensmut.

Peter Zurbrügg, Rüeggisberg, Gemeindeschreiber. Als Kind muss er als einer von fünf Brüdern auf dem elterlichen Hof mithelfen. Er verweigert die Teilnahme am Jungschützenkurs, entdeckt stattdessen seine Liebe zur Musik und findet heute als ambitionierter Orchesterschlagzeuger seinen Ausgleich.

Stefan Wildbolz, Grosshöchstetten, Postbeamter. Als Schüler ist er bei jedem Unfug dabei. Von Anfang an will er zur Post – und ist bis heute glücklich in seinem ersten Beruf. Wichtig ist für ihn, einen passenden Platz in der Gesellschaft zu finden. Diese Werte hat er auch seinen Kindern mit auf den Weg gegeben.

 
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Sabine Hüttche 02.06.2020, 17:25 Uhr
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