HfH Kompakt

Plaudern über Kinder: Das hilft!

Für den Erfolg in schwierigen Situationen mit Kindern und Jugendlichen braucht es beides: Auf der individuellen Handlungsebene eine gefüllte «Werkzeugbox», und auf der Ebene der ganzen Schule eine gute Kooperationskultur.  Überraschend ist, dass Schulteams auch dann tragfähig sein können, wenn sie einfach nur über Kinder plaudern.

Befunde zeigen: In schwierigen Unterrichtssituationen reagieren Lehrpersonen oft disziplinierend und weniger pädagogisch. Das hilft zwar beim kurzfristigen Wiederherstellen der Unterrichtsordnung zum Abwickeln der Lektion. Aber langfristig kann es die Beziehung und die positive Motivation beeinträchtigen. Und damit auch den Lernerfolg. Damit herausfordernde Situationen pädagogisch – und damit nachhaltig wirksam – bewältigt werden können, brauchen Lehrpersonen spezifische Kompetenzen. Dies müssen gezielt aufgebaut und gefestigt werden.

Dazu hat das HfH-Autorenteam Concita Filippini und Daniel Barth für ihre Publikation «KASUS» fünf herausfordernde Szenen nachspielen lassen. Diese Video-Geschichten liefern das Material, damit Lehrpersonen und Schulteams ihren Umgang mit auffälligem Verhalten reflektieren und professionalisieren können. Im kurzen Videobeispiel unten kommt Uran, ein Drittklässler, zu spät in den Unterricht und erzählt der Klasse, er habe zuhause einen riesigen Hecht in der Badewanne. Das ist aber noch längst nicht alles, was Uran anstellt. Mit seinem abweichenden Verhalten fordert Uran seine Umwelt arg heraus.


Video-Szene aus «KASUS – Kurzfilme über herausfordernde Situationen in der Schule» (Barth & Filippini, 2016)


Die «Methode», welche das Autorenteam Concita Filippini und Daniel Barth propagiert, ist relativ schnell erklärt, braucht aber für den Einsatz in der Praxis viel Übung. Erstens muss man nach dem Bedürfnis forschen, das hinter einem unerwünschten Verhalten steckt. Was ist der Grund, dass Uran mit fantastischen Geschichten auftrumpfen muss, wie etwa jener vom Hecht in der Badewanne? Zweitens muss man versuchen, die Situation in Schule, Freizeit oder Familie so zu verändern, dass eine Schülerin oder ein Schüler dieses Bedürfnis befriedigen kann, ohne ein normabweichendes Verhalten zeigen zu müssen. Urans Fischergeschichten zum Beispiel könnten zunächst gesammelt und aufgeschrieben werden. Danach dienten sie als Ausgangspunkt für Erkundungen in der Welt der Fische. Damit erhielte er die soziale Anerkennung, nach der er sich so sehnt.

«Im Umgang mit Verhaltensproblemen gibt es keine einfachen Rezepte», relativiert Daniel Barth, «denn Verhalten hängt nicht nur mit dem «schwierigen» Schüler zusammen, sondern genauso mit der Umwelt: Familie, Freunde, Klasse und Lehrpersonen.» Und diese Erkenntnis stelle sich bei Lehrpersonen nicht automatisch ein, sondern müsse trainiert werden, ist Barth überzeugt.


Im Gespräch mit Steff Aellig erzählt HfH-Dozent Daniel Barth, was der Hintergrund von «KASUS» ist, und welche Erfahrungen er in der Aus- und Weiterbildung damit macht.


Seit dem Erscheinen von «KASUS» hat Daniel Barth weiterführende Forschung durchgeführt. Zum Beispiel im Auftrag des Kantons Aargau. Dort standen Bildungsverantwortliche vor einer bisher ungeklärten Frage: Womit hängen die grossen Unterschiede zwischen den Schulen im Umgang mit «schwierigen» Schülern zusammen? Urs Wilhelm vom Departement für Bildung Kultur und Sport (BKS) des Kantons Aargau meint dazu: «Interessanterweise konnten äussere Mermale von Schulen – also zum Beispiel Urbanität, Grösse oder auch soziale Belastung des Wohnorts oder Quartiers – die Unterschiede zwischen den Schulen nur unzureichend erklären. Deshalb beauftragten wir das Forscherteam damit, in der Tiefenstruktur von Schulteams zu sondieren und nach Antworten zu suchen.»

Auf der Suche nach diesen «Tragfähigkeits-Faktoren» hat Daniel Barth zusammen mit Reto Luder und André Kunz, beides Professoren an der PHZH, mehr als zehn Schulteams untersucht. «Wir vom Kanton wissen nicht, welches diese Schulen waren,» erzählt Urs Wilhelm, «dadurch wollten wir sicherstellen, dass die Schulen den Forschern offen und unbefangen Einblick in ihre Teamkultur gaben.» Barth und seine Forscherkollegen bringen Überraschendes zutage: «Bei der Bewältigung von schwierigem Schülerverhalten spielen die individuellen Handlungskompetenzen einer Lehrperson sehr wohl eine Rolle», so Barth, «aber ebenso wichtig ist, wie man im ganzen Schulteam mit belastenden Schülerinnen und Schülern umgeht.» Kooperation, Kommunikation und gegenseitige Unterstützung – diese Team-Kompetenzen sind es, welche die Unterschiede in der Tragfähigkeit von Schulen erklären. In dieser Deutlichkeit haben die Befunde Urs Wilhelm vom BKS Aargau doch überrascht.


Urs Wilhelm vom BKS Aargau vergleicht gelingende Kooperation mit einem neuronalen Netzwerk. Im Gespräch mit Steff Aellig erzählt er, dass der Kanton Aargau seinen Schulen die Ressourcen künftig pauschal zur Verfügung stellt. Damit sollen Schulleitungen mehr Flexibilität im Umgang mit Belastungen erhalten.


Für eine erfolgreiche Bewältigung von herausfordernden Situationen und damit für die Tragfähigkeit der ganzen Schule sind Klima, Innovationspotenzial und Kooperationsfähigkeit zentrale Faktoren. «Sind die klimatischen Bedingungen im Team schlecht, so werden die Spannungen externalisiert und bei den «schwierigen» Schülerinnen und Schülern deponiert», erklärt Barth den dahinterliegenden Prozess, «Stigmatisierung, Isolation, Abstufung und Ausschluss von verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern sind die Folge.»


Im Gespräch mit Steff Aellig erläutert Daniel Barth, worauf es bei der Tragfähigkeit ankommt, und weist dabei auf die wichtige Unterstützungsfunktion der Schulleitung hin.


Interessant ist, dass die Tragfähigkeit einer Schule nicht eins-zu-eins mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zusammenhängt. «Wir haben Schulen gefunden, die haben überdurchschnittlich viele Ressourcen zur Verfügung, setzen diese aber nicht wirkungsvoll ein», erzählt Daniel Barth, «an diesen Schulen fliegen auffällige Schüler trotzdem relativ schnell aus dem System raus.» Wichtig für eine gelingende Kooperation könne auch der informelle Austausch von Lehr- und Fachpersonen über die Kinder und Jugendlichen sein, haben Barth und seine Forscherkollegen festgestellt.


Im Gespräch mit Steff Aellig erzählt Daniel Barth von einer Schule mit einer hohen Tragfähigkeit, welche sich durch ein «wertschätzendes Plaudern» über schwierige Schüler auszeichnet.


 
Kommentare



Daniel Barth 01.06.2020, 14:37 Uhr
Zum Titel: "Plaudern über das Kind - das hilft". Früher hätte man wahrscheinlich gesagt: "Beten für das Kind - das hilft". Und wenn wir dann einmal wirklich modern sein werden, wird man sagen: "Sich selber verstehen in der Reaktion auf das Kind - das hilft".
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